Konzert-Kritik
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Diskografie

Zürcher Tagesanzeiger   03. April 2007

Membra Jesu Nostri

Zürich, Predigerkirche. ­ Fremd wirkt zuweilen die barocke Frömmigkeit, etwa wenn in einem Werk mit dem Titel "Membra Jesu Nostri"die geschundenen Glieder des Gekreuzigten einzeln besungen werden: Die Füsse, Knie und Hände, die Seite, die Brust, das Herz und das Gesicht. Aber wie tief ergreift einen nach wie vor die Musik, die Dietrich Buxtehude 1680 in seinem grossartigen Kantatenzyklus zu diesen Texten komponiert hat!

Man könnte die Gründe dafür durchaus benennen. Sie lägen in der kunstvollen Direktheit der Tonsprache, in der Genauigkeit, mit der die Gefühle jeder einzelnen Textzeile transportiert werden. Sie lägen auch in der Vielfalt der Stilmittel ­ das Werk bietet Musik zum Tanzen und Musik zum Weinen, und es ist unüberhörbar von Einflüssen aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen geprägt (man müsste etwa darüber rätseln, ob Buxtehude in Lübeck wohl auch Monteverdi studiert hat; die dramatische Wucht mancher Passagen liesse es vermuten).

Aber das alles spielt keine Rolle in dem Moment, da man in der Predigerkirche sitzt, gepackt und gerührt von einem Werk, das zum Abschluss des dreitägigen Buxtehude-Festivals des Forums Alte Musik Zürich eine grandiose Aufführung erlebt. Die Stimmen der Capella Angelica und die Instrumente der LAUTTEN COMPAGNEY finden unter der Leitung von Wolfgang Katschner all die Töne, die diese Musik verlangt: Die zarten und dank der Theorben auch die perkussiven, die empfindsamen und die angriffigen. Prachtvoll klingt das, dabei nie pompös und erst recht nicht kitschig ­ man vergisst darob glatt die eher platten Videoanimationen, die Marc Altmann beigesteuert hat.

Umso sinnvoller war die musikalische Gegenüberstellung: In der ersten Konzerthälfte gab es ein Grosses Passions-Salve des heiligen Bernhardi, an die Gliedmassen des Herrn Jesu“, komponiert von Johann Crüger, das erst kürzlich wieder entdeckt worden ist. Die Werkidee ist die gleiche wie bei Buxtehude, die Umsetzung könnte nicht unterschiedlicher sein. Crüger komponiert nicht Kantaten, sondern Choräle, seine Musik entspringt sozusagen dem Gemeindegesang. So ist sie weit weniger ambitioniert als jene von Buxtehude, und doch, in der unaufgeregten Intensität dieser Interpretation, von bewegender Wirkung.

Susanne Kübler

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