"Teseo"-Kritik
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Gastspiel London September 2004 

03. September Bury St. Edmunds / Royal Theatre
04. September Bury St. Edmunds / Royal Theatre
07. September London / Britten Theatre
08. September London / Britten Theatre

     
Ritterschlag in London
Lauchstädter Händel-Tournee fand umjubelten Abschluss
Es ist wahrlich ein besonderer "Teseo", der hier seinen mutmaßlichen Abschied von der Bühne feiert. Nach der Lauchstädter Premiere sowie nach 23 Vorstellungen von Bayreuth bis Potsdam ist die ursprünglich von Jörg Waschinski gesungene Titelpartie inzwischen mit dem polnischen Sopranisten Jacek Laszczkowski besetzt. Das ist ein wahrer Teufelskerl? Auf der Bühne freilich findet er harte Konkurrenz: Die hochdramatische israelische Sopranistin Sharon Rostorf-Zamir oder die hinreißend jugendliche Miriam Meyer, den kraftvollen Altisten Thomas Diestler oder seinen komödiantischen Dienstherrn Johnny Maldonado. Und ergänzt wird dieses hoch gestimmte Quintett um die düstere Medea der Cecile van de Sant sowie um deren Hofstaat, in dem Studenten der Martin-Luther-Universität stimmstark auch den siegreichen Feldherrn bejubeln.
So präsentieren sie sich ihrem Publikum in der britischen Hauptstadt, das sich nach kurzer Irritation begeistert auf Axel Köhlers ironisch-intelligente Regie einlässt - und schließlich auch das hoch dramatische, sensible Spiel der Lautten Compagney bejubelt. Das Orchester um Wolfgang Katschner besteht seine Feuertaufe in der Metropole der historischen Aufführungspraxis mühelos, was in Ruf-Weite der Royal Albert Hall als Ritterschlag gewertet werden darf. Auf solches Sponsoring wird das Ensemble wohl auch im kommenden Jahr hoffen dürfen, wenn es zu einer bereits verabredeten Wiederholung der Reise nach Bury St. Edmunds aufbricht. Dort hatte schon die diesjährige Tournee begonnen, dort will man dann die neue Produktion "Amadigi" zeigen - und so auch die gemeinsame Mitgliedschaft in der Europäischen Vereinigung der historischen Theater mit Sinn füllen.
Mitteldeutsche Zeitung 14.09.2004


     

"Phantastic!", "Absolutely splendid!"

„Teseo" war Händels zweite Oper, die er für und in London komponierte, frei nach der Dramen-Vorlage Racines, fünfaktig angelegt, musikalisch außerordentlich originell, ein Paradestück für sechs Sänger und ein Fest barocker Theatermaschinerie. Die barocke  Zauberoper wurde am Londoner Haymarket Theatre ein grandioser Erfolg. Ein Erfolgsstück wurde sie auch für das kleine, aber feine Goethe-Theater Bad Lauchstädt, das die Oper im vergangenen Jahr zur Eröffnung der Händel-Festspiele produzierte, als Koproduktion mit den Festwochen Herrenhausen und dem Festival Bayreuther Barock. Man hat die Oper bereits mehrfach an anderen Orten gezeigt. Nun ist man mit ihr sogar nach England gereist.

„Und wenn man mit einem Stück, was ja auch in London uraufgeführt wurde, dann letztlich an diesen Platz kommt, dann ist das schon was Besonderes!" Zurecht ist Wolfgang Katschner, Chef der Lauten Compagney Berlin stolz auf dieses Gastspiel, denn erstens ist die musikalische Leistung seiner Truppe gerade in dieser Produktion fabelhaft, zweitens ist dies das erste Mal, daß ein mitteldeutsches Theater nach der Wende eine komplette Händel-Opern-Produktion nach England bringt und drittens kommt dieser Tournee geradezu Modellcharakter zu, denn man gibt nicht nur zwei Gastspiele in London, im schönen, modernen Britten-Theater der Royal Academy of Music, sondern auch zwei in einem zauberhaften historischen Theater, das nur wenige jünger ist als das Goethe -Theater Bad Lauchstädt, in der Kleinstadt Bury St. Edmunds nämlich, in Suffolk, etwa anderthalb Stunden nordöstlich von London.

Das Gastspiel des Goethe-Theaters Bad Lauchstädt mit der Lauten Compagney Berlin, mit einem internationalem Solisten-Ensemble, einer vielgelobten, schlichten und doch barocken Inszenierung Axel Köhlers ist nicht nur der Auftakt eines vielleicht ständigen künftigen Austauschs von Produktionen historischer Theater in Europa, es ist auch zu einer Vorzeigeproduktion des Landes Sachsen-Anhalt in der englischen Metropole gekürt worden.

Und das Publikum in Bury St. Edmunds, aber auch in London war begeistert und dankbar für diese hochkarätige Händel-Aufführung aus Bad Lauchstädt. Stimmen aus dem Zuschauerraum: "Fabulous, it really was very good, one of best things we have heard in Bury, I must say!", "That was a feast of wonderful singing, absolutely marvellous?", "Phantastic!", "Absolutely splendid!" - Ein voller Erfolg also für Bad Lauchstädt und dieses Händel-Gastsspiel in England. Und man denkt schon an ein neues Projekt ebendort im nächsten Jahr.
aus: MDR-Figaro am Morgen 16.09.2004

 

 

Das Royal College of Music, Aufführungsort des "Teseo" aus Halle

     

  

Foto: Jens Schlüter

"Teseo" Informationen zur Inszenierung

Händel-Festspiele 2004
Aufführungen im historischen Goethe-Theater Bad Lauchstädt

Zwischen den rostig-rußgeschwärzten Metall-Wänden tobt dabei ein Kampf der Kultur gegen die Natur. Die intimen Gesten aufrichtiger Zuneigung kollidieren mit den imperialen Posen einer dynastischen Familienplanung, wobei die magische Intervention der Zauberin Medea eine fremde, dritte Ebene stiftet ...

Die musikalische Behandlung des Werkes entspricht diesem dramaturgischen Verständnis im besten Sinne: Wolfgang Katschner und seine LAUTTEN COMPAGNEY sind ihrerseits perfekte Mechaniker der Gefühle, die das Innenleben ihrer Geschöpfe hörbar machen und die Handlungen im Human-Maschinenpark klangvoll motivieren. Dabei kommt dem Dirigenten nicht nur die reiche Erfahrung mit dem barocken Opernmaterial, sondern als solistischer Begleiter auch seine Virtuosität als Lautenist zugute.

Der eigentliche Reichtum der Inszenierung aber liegt in ihrer wahrhaft luxuriösen Besetzung, die vor allem mit der majestätischen Stimme und Erscheinung von Maria Riccarda Wesseling als Medea sowie mit gleich drei Counter-Stimmen glänzt. Johnny Maldonado gibt seinen Egeo dabei als sensitiven Spätling, der seine dekadente Aufweichung als üppig beringter Pfau auslebt, Arturo Stefanowicz als Arcane hingegen entwirft gemeinsam mit Miriam Meyer als Clizia das natürliche Gegenbild zu diesem überfeinerten und komplexbeladenen Herrscher. Jörg Waschinski als Teseo schließlich ist der Popstar eines Krieges, dessen Pathos die Regie von Anfang an mit großer Skepsis behandelt - und der auch den Glücksanspruch der Agilea (Sharon Rostorf-Zamir) zwischen Heldengattin und Kriegerwitwe ortet.
orpheus 09/10-2004
  


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