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Kritik 


Kritik
Berliner Zeitung   31. Oktober 2005    
 
Ein jegliches hat seine Zeit
Premiere eines musikalischen Triptychons im Werner-Otto-Saal. Wolfgang Fuhrmann
 
Auch Konzerte zu komponieren ist eine Kunst, und gäbe es eine dem Oscar vergleichbare Trophäe für gelungene Programmdramaturgie - sagen wir: den goldenen Otto -, dann wäre das pausenlos durchkomponierte musikalische Triptychon „Omnia tempus habent”, das am Sonnabend im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses Premiere hatte, sicher ganz oben auf der Nominierungsliste.
 
Die verbindende Idee der drei Hauptteile bildete die kompositorische Auseinandersetzung mit einigen der existenziell anrührendsten biblischen Texte in der lateinischen Fassung der Vulgata: Den Mittelflügel stellte Bernd Alois Zimmermanns Kantate „Omnia tempus habent” (Ein jegliches hat seine Zeit) dar; zu beiden Seiten erzählte Giacomo Carissimi die Geschichten von Ezechia und Jonas. Ein- und ausgeleitet wurde der Abend von der „Galliarda del Principe di Venosa” von Carlo Gesualdo, bearbeitet von Salvatore Sciarrino. Dieser Satz Gesualdos wurde in der Aufführung durch das Kammerensemble Neue Musik (KNM) durch die sich allmählich einschleichenden, für Sciarrino typischen geräuschhaften Spieltechniken ausgezehrt, erschien zunehmend fadenscheinig, um dann in seiner raschen Dreiertakt-Variante von der Lautten Compagney aufgegriffen und klanglich restauriert zu werden.
 
Im Bauch des Fischs
Carissimis Oratorien zentrieren sich jeweils um große Monologe eines einsamen, verzweifelten Rufers zu seinem Gott: die Bitte des Königs Ezechia, Gott möge ihn nicht sterben lassen, das Hadern des Jonas mit dem Herrn im Bauch des großen Fischs. Stefan Livland führte vor, wie sich hier die frühneuzeitliche Sorge ums Selbst geradezu bebenden Ausdruck verschafft. Schade, dass diese Intensität in den großen Chören unter der Leitung von Wolfgang Katschner nicht erreicht wurde: die ekstatisch tanzende Beschwörung der Ewigkeit in der „Historia di Ezechia”, die lautmalerische Beschwörung des Seesturms im „Jonas”, all das hätte noch nach weit drastischerer vokaler Umsetzung verlangt. Das Vokalensemble Capella Angelica scheint hier noch zu keiner einheitlichen Konzeption gelangt zu sein: während die männlichen Solisten (neben Livland Christoph Burmester, Matthias Lutze und Tobias Müller-Kopp) sich ihren Aufgaben zwar etwas opernhaft, aber doch mit geradem Ton und deutlicher Artikulation näherten, pflegten Anna Prohaska und Sabine Goetz einen belegten, weichen und vermutlich „ätherisch” gemeinten Klang, der in der Alten-Musik-Szene zwar weit verbreitet ist, aber doch eine Unsitte. Carissimis Musik ohne jedes Interesse an Deklamation und Rhetorik zu singen, lässt sie als das klangliche Äquivalent zu durchweichtem, ungezuckerten Müsli erscheinen.
 
In Zimmermanns zentral platzierter Kantate setzte Prohaska ein reicheres artikulatorisches Spektrum ein. Auch hier blieb die Stimme freilich verhalten, aber dieser matt schimmernde Ton integrierte sich überzeugend in die vorwiegend helle, fast bassfreie, und in ihrer strengen seriellen Organisation wie getupft wirkende Instrumentalbegleitung, die das von Rüdiger Bohn geleitete KNM mit großem Klangsinn spielte. In Zimmermanns Werk gibt es keine emphatische Aussprache, keine subjektive Expression mehr; die Hervorhebung bedeutender Passagen geschieht formal. Diese Intimität und Zurückhaltung ist der biblischen Meditation über die Zeit aber in großartiger Weise angemessen.
 
Überflüssig an diesem konzentrierten Abend wirkten allein die durch Veit-Lup erstellten, über einen kunstvoll arrangierten Bildschirmhaufen flackernden Videos: Ob ihre geradezu kindische optische Verdopplung der Carissimi-Fabeln sträfliche Naivität oder wohlfeile Ironie dokumentieren, ist auch schon egal.


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