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Neue Zürcher Zeitung 03. April 2007
Explosiv, bodenständig und sphärisch
Komponistenjubiläen können leicht zum Pflichtprogramm werden. Bei Dietrich Buxtehude, an dessen 300. Todestag die Musikwelt sich in diesem Jahr erinnert, ist dies jedoch mit Sicherheit nicht so, denn der bedeutende Komponist des deutschen Barock und Vorläufer J. S. Bachs ist zugleich einer der grossen Unbekannten im heutigen Konzertleben. Das dreitägige Buxtehude-Festival des Forums Alte Musik Zürich bot Gelegenheit, die hohe Qualität und Spannweite seines Schaffens kennenzulernen. Die Konzerte und die jeweils vorher angesetzten Interpretengespräche stiessen auf lebhaftes Interesse. Und im Schlusskonzert am Sonntag war der Lübecker Altmeister sogar Teil eines multimedialen Gesamtkunstwerks. Zu Buxtehudes Hauptwerk, dem Passionszyklus "Membra Jesu Nostri", wurden Videobilder des in Berlin lebenden Schweizer Künstlers Marc Altmann an die Wand des Chorraums der Predigerkirche projiziert.
In Buxtehudes Kantatenzyklus werden die Körperteile des Gekreuzigten wortreich und auf fast mystische Weise besungen. Wenn sich dazu auf den Videobildern ein Nagel pfeilartig in die Füsse der Christusgestalt bohrte, Explosionen den Himmel zerrissen, blutrote Regentropfen fielen und der Schmerzensmann am Schluss in einer Aura aus allen Farben des Regenbogens schwebte, so war das für Freunde Alter Musik vermutlich ein ungewohnter Anblick. Dass Buxtehudes Musik sich so kraftvoll gegen die optischen Reize behauptete, zeigte aber auch, wie unmittelbar diese raffiniert und vielseitig gestalteten Klänge ein heutiges Publikum anzusprechen vermögen.
Daran hatte die Interpretation der Berliner LAUTTEN COMPAGNEY und der Capella Angelica unter der Leitung von Wolfgang Katschner wesentlichen Anteil. Die Sänger und Instrumentalisten füllten den Kirchenraum mit einem leuchtenden, warm timbrierten Ensembleklang, der durch die Bassgruppe erfreuliche Bodenständigkeit erhielt. Das Gambenconsort sorgte dagegen in den Mittelstimmen für zarte, sphärische Tönungen. Die kunstvoll ausgearbeitete Mehrstimmigkeit trat plastisch hervor, ohne dass die spontane Musizierlust dabei zu kurz kam.
Im ersten Teil des Abends erinnerte die LAUTTEN COMPAGNEY an den Dichter Paul Gerhardt, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 400. Mal jährt. Als Schweizer Erstaufführung erklang das kürzlich wieder aufgefundene "Grosse Passions-Salve an die Gliedmassen des Herrn Jesu" von Paul Gerhardt in der Vertonung des mit ihm befreundeten Barockkomponisten Johann Crüger. Der vierstimmige Strophengesang erwies sich als reizvolles Gegenstück zu Buxtehudes "Membra"-Zyklus. Um Einförmigkeit zu vermeiden, liess Wolfgang Katschner die einzelnen Strophen in verschiedenen Besetzungen singen und begleiten, so dass immer wieder neue Klangkombinationen entstanden. Das originelle, kurzfristig aufs Programm gesetzte Fundstück war eine Bereicherung des Festivals und zugleich ein Indiz für den lebendigen Umgang heutiger Ensembles mit der Alten Musik.
Martina Wohlthat
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