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Die Tränen des Orfeus
Von Tom Mustroph
Kobie van Rensbug ist ein begnadeter Sänger. Der südafrikanische Tenor hat sich seit Jahren auf alte Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts spezialisiert und tritt erfolgreich u.a. an der MET auf. Doch Kobie van Rensburg ist mehr als ein Sänger. Er ist vom Virus der Renaissancemusik infiziert. Gemeinsam mit den Alte-Musik-Verrückten der LAUTTEN COMPAGNEY - das Gründungsduo Wolfgang Katschner und Hans-Werner Apel ist auf Kammerorchesterstärke erweitert - ist er auch inszenatorisch tätig geworden. Im Radialsystem V präsentiert er die "Tränen des Orfeo" (Il Pianto d'Orfeo).
Der antike Held war eine Zentralfigur dieser Epoche und erweist sich als modernes Individuum, das sich der Liebe verpflichtet fühlt und sich über Tabus hinwegsetzt. Er steigt - mit Erlaubnis der Götter - in den Hades hinab, um seine in den Tod gegangene Geliebte zurückzuholen. Orfeus-Arien gleich vier verschiedener Renaissance-Komponisten - Jacopo Peri und Giulio Caccini, Claudio Monteverdi sowie Marc Antoine Charpentier - montiert van Rensburg zu einem Abend.
Darüber hinaus zeichnet das Multitalent für die Videoprojektion verantwortlich. Der Auftakt ist verheißungsvoll. Einzelne Tränen rinnen die Projektionswand herab und schlagen auf dem Boden auf. Das Orchester, halb verhüllt durch die Projektionsfläche, setzt die ersten Takte, und van Rensburg beginnt, die klagenden Töne des Orpheus auszustoßen. Ihm gesellt sich der Tänzer Manuel Alfonso Pérez Torres hinzu, der als sein Schatten die elegischen Klänge in Bewegung übersetzt. Wenig später betritt eine tanzende Euridike (Laurie Young) die Bühne. Doch leider ist es der durch die Musik ausgelösten Imagination abträglich, die vor allem durch Sehnsucht hergstellte Figur so konkret vor sich zu sehen.
Generell ist die Gefahr groß, dass Tanz und auch Videoprojektion zu illustrierend wirken und damit die buchstäblich das Herz zerreißende Geschichte von Orfeus und Euridike zu einem gefälligen Bilderbogen zu reduzieren. Manchmal, beim Überqueren des Flusses Styx etwa oder dem Abschied von Euridike, gelingen den Tänzern und dem Videokünstler eindringliche Momente. Aber zu oft sind es kunsthandwerkliche Arabesken.
Höhepunkt des Abends ist van Rensburg. Seine Stimme strahlt, sie kann fadt metallische Härte haben, aber auch geschmeidig werden. Und sie behält die ganzen zweieinhalb Stunden über ihre Kraft. Ein gelungener Ausflug in die Frühzeit der Oper.
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